Kloten oder wenn im «Züribiet» Hockey-Kultur und Vernunft ignoriert werden
Wenn Aki Kaurismäki einen seiner melancholischen Filme für einmal zum Thema Eishockey drehen möchte, dann müsste der finnische Kultregisseur nach Kloten reisen. Nicht nur, weil dort sein Landsmann Lauri Marjamäki an der Bande steht.
Eishockey-Romantik verorten wir in der Regel in der Leventina, im Elsgau (altbernische Bezeichnung für die Ajoie) oder im oberen Emmental. Gerne wird übersehen, dass es auch in der Nähe der urbanen Zentren, in den reichsten Landesgegenden diese Romantik gibt. Sogar eine mit Melancholie. Zum Beispiel in Kloten. Was Jeremias Gotthelf bei den SCL Tigers ist inzwischen Aki Kaurismäki beim EHC Kloten.
Was beide Orte verbindet: Tradition – der EHC Kloten ist 1934, der SC Langnau 1946 gegründet worden – und die Einsicht, vernünftig zu wirtschaften. Kloten und Langnau bilden sozusagen die «Achse der Vernünftigen.». Und dabei haben es die Zürcher eher noch schwerer. Ihre «Schicksalsergebenheit» in die schwierigen Verhältnisse ist mit einer Prise Melancholie ausgeprägter als bei den knorrigeren, trotzigeren, wetterfesteren Emmentalern. Wie die Direktbegegnung soeben wunderbar gezeigt hat.
Die SCL Tigers geben eine 3:1-Führung im letzten Drittel preis und siegen erst in der Verlängerung 4:3. Die alteingesessenen Kenner sind höchst unzufrieden und murren. Sie hatten von allem Anfang an und erst recht nach dem 3:1, mit einem sicheren, ja lockeren Sieg der robusteren Einheimischen gegen die vermeintlich weicheren Zürcher gerechnet. Wie kann man nur nach einer Zweitore-Führung so passiv werden und einen Punkt verschenken? Gegen ein Team, das bloss mit vier Ausländern angetreten ist!
Diese Einschätzung stimmt nur teilweise und blendet Klotens erstaunliche Qualitäten aus, die auch diese Saison immer wieder aufblitzen und dafür sorgen, dass die Mannschaft noch im Advent in der Tabelle vor dem SC Bern klassiert ist. Heiliger sportlicher Bim-Bam.
Die Spielkultur gehört zu diesen Qualitäten. Sie ist schon deshalb verblüffend, weil die Zürcher keine Stars im klassischen Sinne beschäftigen. Würde im Falle eines Konkurses von einem Tag auf den anderen alle Spieler der Konkurrenz zur Verfügung stehen, dann würden längst nicht alle sofort einen neuen Arbeitgeber finden. Gerade deshalb ist die spielerische Qualität bemerkenswert. Konstruktives, weitgehend rumpelfreies Hockey mit schnellen, präzisen Passfolgen in einem geschlossenen Fünferblock, der sich auf dem Eis wie ein Vogelschwarm hin und her schiebt. «Schluefweg-Philharmoniker». Es ist kein Zufall, dass Kloten mit 186 Strafminuten mit Abstand das harmloseste Team dieser Saison ist. Tabellenführer Davos rockt die Liga mit bisher 377 Minuten auf dem Sündenbänklein.
Langnaus Thierry Paterlini hat sich über den Punktverlust gegen Kloten geärgert. Logisch. Kein Trainer, der bei Sinnen ist, darf nach einer verspielten 3:1-Führung zufrieden sein. Aber nicht nur, weil er einst als Junior in Kloten mit dem Hockey angefangen hat, weist er auf die besonderen spielerischen Qualitäten der Klotener hin. Auf ihre Fähigkeit, den Fünferblock zusammenzuhalten, schnell von Defensive auf Offensive umzuschalten.
Mehrere Hockey-Klubs sind durch sportliche und finanzielle Krisen klüger und bescheiden geworden: Dazu gehören etwa die Lakers, die Bieler, die Langnauer und viel mehr noch die Klotener. Die Demut ist wahrlich bemerkenswert. Sie wird gelebt, ohne zu jammern und der beste Repräsentant dieser Kultur ist Cheftrainer Lauri Marjamäki.
Wenn also Aki Kaurismäki tatsächlich einen Hockey-Film drehen sollte, dann müsste er unbedingt seinem Landsmann im Schluefweg die Hauptrolle überlassen. Lauri Marjamäki gehört nicht zu den charismatischen Bandengenerälen, die mit ihrer Präsenz Räume oder gar die Katakomben der Stadien füllen. Steht er in einer Gruppe im Kabinengang, dann ist es für einen Laien unmöglich zu erkennen, wer denn hier der Chef ist. Dass er gar toben könnte, ist unvorstellbar. Und doch hat der Finne eine ganz besondere Energie der Bescheidenheit.
Es gäbe ja nach der Verlängerungs-Niederlage in Langnau einiges zu jammern. Nur vier (statt der erlaubten sechs) Ausländer standen ihm zur Verfügung und Robert Leino, Tyler Morley, Max Lindroth und Petteri Puhakka würden bei den benachbarten ZSC Lions zwecks Spielpraxis meistens ins Farmteam relegiert und nur in der Not heraufgeholt und in der National League eingesetzt. Was wäre dieser EHC Kloten mit vier aussergewöhnlichen und höchstens zwei gewöhnlichen Ausländern? Wir wollen nicht grübeln.
Und die meisten Trainer hätten nach diesem Spiel – off-the-record natürlich, also nicht zum Zitieren – auf die Schiedsrichterleistung hingewiesen. Doch nichts von alledem. Lauri Marjamäki erwähnt nicht einmal, dass ihm nur vier Ausländer zur Verfügung standen und darauf angesprochen zuckt er bloss mit den Schultern und sagt: «Wir haben kein Geld für weitere ausländische Spieler und machen mit dem, was wir haben, das Beste». Er mahnt ein wenig an den legendären Simon Schenk, der zu sagen pflegte: «Mach mit däm wod hesch, dert wod bisch, das was chaisch.»
Wahrscheinlich ist es nur möglich, mit einem gerüttelten Mass an Fatalismus und Melancholie unter den ganz besonderen Verhältnissen in Kloten als Trainer zu arbeiten. Das Erscheinungsbild einer Mannschaft wird stark durch den Cheftrainer geprägt. Wenn der Chef vorlebt, dass Jammern und Ausreden nicht weiterhelfen, und dass es keine andere Möglichkeit gibt, als mit dem auszukommen, was man hat – dann fällt es wahrscheinlich auch den Spielern leichter, sich mit den Umständen abzufinden.
Verlässliche Daten gibt es in dieser Sache nicht. Aber mit ziemlicher Sicherheit ist die Spielkultur – gemessen an den Salären - bei keinem anderen Team so hoch wie bei Kloten. Es gehört zu den Rätseln unseres Hockeys, wie es sein kann, dass Kloten mit 65,76 Prozent die mit weitem Abstand geringste Stadionauslastung der Liga aufweist. Alle anderen Teams füllen ihre Tempel zu mehr als 80 Prozent. Im Hochtal der Leventina, am weitesten entfernt von den urbanen Zentren und von der reichen Deutschschweiz durch das steinerne Gotthardmassiv getrennt, sind es gar über 94 Prozent.
Vielleicht ist es halt so, dass Bescheidenheit nicht zu den wichtigsten Eigenschaften der Bewohnerinnen und Bewohnern des reichen Züribietes zählt und deshalb Klotens vorbildliche, leise Pflege der Bescheidenheit und Vernunft vom Publikum nicht entsprechend honoriert wird. Oder wie Wilhelm Busch einst sagt: «Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.»
Als Kloten noch Lärm und Emotionen machte, auch Millionäre laufend Dramen und Krisen, Besitzerwechsel und Skandale inszenierten, kamen in der Abstiegssaison 2017/18 mehr Fans (5356 pro Partie) als in den geordneten Verhältnisse der Gegenwart (4901). Die Rocklegende Chris von Rohr weiss warum, das so ist und würde als Hockey-Manager wohl knurren: «Meh Dräck».
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
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